EU-Kommission: Montenegro könnte nächstes EU-Mitglied werden Von Ansgar Haase und Katharina Redanz, dpa

04.11.2026 13:26

Die bislang letzte EU-Erweiterung liegt inzwischen mehr als 13 Jahre
zurück. Geht es in den kommenden Jahren jetzt Schlag auf Schlag?

Brüssel (dpa) - Das Westbalkanland Montenegro könnte nach
Einschätzung der EU-Kommission das nächste Mitgliedsland der
Europäischen Union werden. Wie aus einer neuen Analyse der Brüsseler
Behörde hervorgeht, könnte das Land bereits Ende dieses Jahres die
Beitrittsverhandlungen erfolgreich abschließen. Die tatsächliche
Aufnahme in die Staatengemeinschaft könnte dann 2028 erfolgen.

Entscheidend werde in den kommenden Wochen sein, dass Montenegro
seinen konsequenten Fokus auf die Vorbereitung auf die
EU-Mitgliedschaft beibehalte sowie bereits beschlossene Reformen
nachhaltig umsetze, heißt es in der Analyse weiter. Dann gehe die
Kommission davon aus, dass der Beitrittsvertrag mit Montenegro im
Juni 2027 unterzeichnet werden kann. Anschließend muss noch ein
Beitrittsvertrag ausgehandelt und von allen bisherigen 27
Mitgliedstaaten ratifiziert werden.

Auch Albanien und Moldau könnten der Kommission zufolge in den
kommenden Jahren der EU beitreten, außerdem unterstützt die Behörde
die Beitrittsbemühungen der Ukraine. 

Der Abschluss der Beitrittsverhandlungen mit Albanien wird Ende 2027
für möglich gehalten, der mit Moldau Anfang 2028. Bis zur
tatsächlichen Aufnahme in die EU dürften dann aber auch bei ihnen
noch einmal mehr als 20 Monate vergehen. In dieser Zeit muss zunächst
ein Beitrittsvertrag fertig ausgehandelt und unterzeichnet werden.
Anschließend müssen alle bisherigen Mitgliedstaaten sowie das
Kandidatenland den Vertrag ratifizieren. Für alle Länder betont die
Kommission, dass die Länder ihre Ziele nur erreichen können, wenn sie
alle Aufnahmebedingungen erfüllen.

Beim jüngsten EU-Mitglied Kroatien dauerte das gesamte Verfahren rund
zwei Jahre. Das Land war am 1. Juli 2013 beigetreten. Seitdem hat es
keine weiteren EU-Beitritte mehr gegeben. Durch den Austritt
Großbritanniens 2020 sank die Zahl der Mitgliedstaaten wieder auf 27.

Die Ukraine will Ende 2028 einen Abschluss der Beitrittsverhandlungen
erreichen. «Die Europäische Kommission unterstützt dieses
ambitionierte Ziel, ist jedoch der Auffassung, dass hierfür eine
Beschleunigung des Reformtempos erforderlich ist», heißt es in der
Analyse. Als schwierig gelten beispielsweise notwendige Reformen im
Bereich der Rechtsstaatlichkeit und der Korruptionsbekämpfung.
Besonders herausfordernd ist dabei, dass die Reformen inmitten des
russischen Angriffskriegs umgesetzt werden müssen.

Sonderrolle Ukraine

Für die Ukraine ist die EU-Beitrittsperspektive von herausragender
Bedeutung. Sie gilt als Signal, dass das Land eine dauerhafte Zukunft
in der europäischen Staatengemeinschaft hat. Eine EU-Mitgliedschaft
würde die Ukraine nicht nur wirtschaftlich und politisch enger an den
Westen binden, sondern ihr durch die Beistandsklausel aus dem
EU-Vertrag auch zusätzliche Sicherheit bieten. Eine Aufnahme noch
während des Krieges gilt allerdings auch wegen der damit verbundenen
militärischen Beistandsverpflichtungen als politisch kaum
vorstellbar.

Unter den vier Beitrittskandidatenländern ist die Ukraine das mit
Abstand größte. Das Land hat nach jüngsten Weltbank-Zahlen etwa 39
Millionen Einwohner - weniger als halb so viele wie Deutschland - ist
aber mit rund 604.000 Quadratkilometern fast 1,7-mal so groß wie
Deutschland. Das kleine Adriaküstenland Montenegro hat nur rund
620.000 Einwohner. In der Mitte liegen Albanien und Moldau, die beide
etwa 2,4 Millionen Einwohner zählen.

Wachsen der Staatengemeinschaft soll für Stabilität sorgen

In den EU-Erweiterungsprozess kam zuletzt vor allem aus
geopolitischen Erwägungen wieder neue Dynamik. Die Aufnahme weiterer
Staaten soll auch den Einfluss der EU stärken und verhindern, dass
Länder aus Enttäuschung über eine fehlende Beitrittsperspektive
engere Partnerschaften mit Russland oder China eingehen.

Gerade der Westbalkan gilt dabei als strategisch besonders wichtige
Region, unter anderem wegen seiner Bedeutung für die europäische
Sicherheit, Energieversorgung und Migrationspolitik. Mit einer
Aufnahme der Ukraine und Moldaus würde die EU zudem ihren
Einflussraum weit nach Osten ausdehnen.

Zugleich gibt es allerdings auch Länder, die Risiken sehen - unter
anderem wegen der Herausforderungen beim Schutz der neuen
Außengrenzen und bei der gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik.

Als Problem gilt bei einem EU-Beitritt der Ukraine auch die
Integration ihrer riesigen Landwirtschaft. Würden ukrainische Bauern
nach einer Aufnahme uneingeschränkt von den europäischen
Agrarsubventionen profitieren, könnte dies den EU-Haushalt massiv
belasten und zulasten der bisherigen Empfänger gehen. Zudem fürchten
Landwirte in anderen EU-Staaten, dass die vergleichsweise
kostengünstige ukrainische Produktion die Preise etwa für Getreide,
Zucker und Geflügel unter Druck setzen könnte.

Die EU-Kommission hat deswegen bereits vorgeschlagen, für die Ukraine
besondere Übergangsregelungen vorzusehen, die sowohl die finanzielle
Unterstützung als auch den Zugang zum europäischen Markt für sensible

Agrarprodukte deutlich einschränken könnten. Wie diese genau aussehen
sollen, müsste dann im Rahmen der Beitrittsverhandlungen vereinbart
werden.

Weitere Beitrittsanwärter

Vorerst keine Beitrittsfahrpläne gibt es für die Beitrittsanwärter
Serbien, Bosnien-Herzegowina, Nordmazedonien und Kosovo sowie für die
Türkei und Georgien. Bei diesen Ländern sind bislang keine
ausreichenden Fortschritte gemacht worden. Bei der Türkei und
Georgien liegt der Beitrittsprozess sogar wegen demokratischer und
rechtsstaatlicher Defizite ganz auf Eis.