EU: TikTok gefährdet mentale Gesundheit - Strafe droht Von Niklas Treppner, dpa

06.11.2026 12:11

Brüssel erhöht den Druck auf TikTok: Die EU-Kommission verlangt
Änderungen am Algorithmus der App. Die mentale Gesundheit von Nutzern
sei gefährdet, argumentiert Brüssel.

Brüssel (dpa) - TikTok gefährdet seine Nutzer nach vorläufigen
Ermittlungsergebnissen der EU-Kommission durch die Video-Empfehlungen
auf seiner Plattform. Dem Unternehmen drohe eine Strafe, weil sein
Algorithmus selbst schutzbedürftigen Nutzern einen endlosen Strom aus
personalisierten Videos anzeige, der psychische Probleme verstärken
könne, teilte die Brüsseler Behörde mit. 

Die Kommission wirft TikTok vor, dieses Risiko nicht ausreichend
eingedämmt zu haben. Der Algorithmus werte Ansehen und Liken als
Interesse und spiele danach mehr ähnliche Inhalte aus, die sich um
Traurigkeit, Isolation, Gewicht und Körperbild drehten. Die
bisherigen Gegenmaßnahmen seien nicht wirksam. Auch der Button «Nicht
interessiert» reiche nicht aus, um den Feed zu ändern.

Verloren im Kaninchenbau? 

Die sogenannte For You-Page («Für Dich»-Seite), die besonders schnell

Inhalte anzeigen soll, die Nutzer interessieren, steht im Fokus des
Verfahrens. Die EU-Kommission verlangt hier Änderungen, da sie
sogenannte Rabbit-Hole-Effekte (auf Deutsch: Kaninchenbau)
befürchtet. 

Damit ist gemeint, dass man sich so tief in einem Thema verliert,
dass man nicht mehr herausfindet - ähnlich wie sich die Hauptfigur in
der Geschichte Alice im Wunderland in einem Kaninchenbau verliert.
Algorithmen - vereinfacht gesagt von Menschen geschriebene
Anleitungen für Computer - können theoretisch solche Verhaltensmuster
erkennen und ausnutzen, damit Nutzerinnen und Nutzer mehr Zeit auf
einer Plattform verbringen.

Die EU-Kommission teilte mit, der TikTok-Algorithmus personalisiere
auf diese Art und Weise selbst Inhalte, die potenziell belastend sein
könnten und gefährde dadurch insbesondere auch Kinder und
Jugendliche. Zwar habe TikTok bereits bestimmte Maßnahmen gegen diese
Mechanismen ergriffen, diese seien aber nicht wirksam, heißt es in
den vorläufigen Ermittlungsergebnissen.

Weitere EU-Verfahren gegen TikTok laufen bereits 

Die EU-Kommission treibt damit das nächste Verfahren gegen die von
der chinesischen Firma Bytedance betriebene App voran. Es ist das
dritte Mal, dass Brüssel den Online-Riesen mit
Untersuchungsergebnissen konfrontiert und ihm Verstöße gegen das
Gesetz über digitale Dienste (Digital Services Act, kurz DSA)
vorwirft. Eine Strafe gab es seit der Eröffnung des ersten Verfahrens
gegen TikTok im Februar 2024 nicht. 

Der DSA gilt eigentlich als scharfes Schwert gegen den Einfluss
großer Plattformen. Kritiker halten der EU-Kommission aber immer
wieder vor, zu zögerlich zu agieren. Brüssel verweist darauf, dass
Entscheidungen auch vor Gericht standhalten müssten und entsprechend
sorgfältig bewiesen sein sollten.

TikTok könnte empfindliche Strafe drohen 

Gegen TikTok läuft auch ein Verfahren wegen anderer Funktionsweisen
der App. So befürchtet die EU-Kommission, dass Minderjährige süchtig

werden könnten. Konkret geht es bei den suchtfördernden Mechanismen
etwa um das ununterbrochene, automatische Abspielen von Videos. 

Zudem warfen die Brüsseler Internetwächter dem Konzern in einem
separaten Verfahren im Juli vor, Kinder und Jugendliche nicht genug
vor übergriffigem Verhalten anderer Nutzer schützen. Die Behörde
kritisiert unter anderem, dass Fremde die öffentlichen Benutzerkonten
von Minderjährigen sehen und die jungen Nutzer auch mit
missbräuchlichen Absichten kontaktieren könnten. 

Das Unternehmen hat in allen Verfahren die Möglichkeit, sich gegen
die Vorwürfe zu verteidigen oder mit entsprechenden Änderungen die
Bedenken der EU auszuräumen. Findet sich keine einvernehmliche
Lösung, könnte es für TikTok teuer werden.

Die EU-Kommission würde dann formell einen Verstoß feststellen und
könnte eine Strafe von bis zu sechs Prozent des jährlichen
Konzernumsatzes verhängen. Auch tägliche Strafen wären möglich, um

TikTok zum Einlenken zu bewegen.