Unifil-Ende im Libanon: Was bleibt vom deutschen Marine-Einsatz? Von Amira Rajab, dpa
08.11.2026 06:00
Ende des Jahres läuft das Unifil-Mandat aus, die Deutsche Marine
verlässt die Küste des Libanon. Wie geht es für das Land weiter? Ein
Besuch an Bord der Fregatte «Baden-Württemberg».
Beirut (dpa) - Noch 41 Tage. Der Countdown in der Schlafkammer von
Radarmeisterin Tatjana läuft. Jeden Morgen wischt sie die alte Zahl
auf ihrer Tafel neben der Eingangstür weg und schreibt die aktuelle
hin. Noch 41 Tage bis sie ihre Liebsten wieder in die Arme schließen
kann. Noch 41 Tage bis die Fregatte «Baden-Württemberg» der Deutschen
Marine wieder in ihren Heimathafen in Wilhelmshaven einläuft.
«Ich freue mich auf mein Zuhause», sagt die 30-Jährige. Am meisten
auf das eigene Bett. «Das ist Gold wert.» Noch ist das Kriegsschiff
im Mittelmeer vor der libanesischen Küste unterwegs. An Bord behält
Tatjana das See- und Luftlagebild über die Radaranlagen im Blick,
«weiter als man mit dem normalen Auge sehen kann.» Doch das wird es
so bald nicht mehr geben.
Die Deutsche Marine ist Teil der UN-Friedensmission Unifil im
Libanon. Ein Einsatz, der die Waffenruhe zwischen Israel und der
proiranischen Hisbollah im Libanon überwachen und zur Stärkung der
libanesischen Streitkräfte beitragen soll. Ende des Jahres ist nun
Schluss. Das Mandat von Unifil - eine der ältesten Blauhelmmissionen
- läuft aus, ebenso der deutsche Einsatz auf See. Der Konflikt im
Libanon ist unterdessen weder gelöst noch dauerhaft entschärft
worden.
Sorge vor Eskalation im Libanon
Die Kriegstrommeln zwischen Israel und der Hisbollah dröhnen
stattdessen wieder lauter. Während international eine weitere
Eskalation zwischen den USA und dem Iran befürchtet wird, wächst im
Libanon die Nervosität. Wird es auch hier zu einer erneuten
Eskalation kommen?
Die Hisbollah betont, sie sei allzeit bereit, «Aggressionen»
entgegenzutreten. Die israelische Zeitung «Maariv» berichtete jüngst
über mögliche militärische Pläne für den Fall einer Eskalation.
Demnach könnte Israel eine Besetzung zentraler Städte im Südlibanon
erwägen. Auch eine Seeblockade libanesischer Häfen sei denkbar. Der
anstehende Abzug der Unifil-Truppen bereitet den Menschen im Land
weitere Sorgen.
«Es wird eine Lücke entstehen»
«Wenn Unifil den Libanon verlässt, wird eine Lücke entstehen», sagt
der Oberbefehlshaber der libanesischen Marine, Mustapha al-Ali, am
Marinestützpunkt in der libanesischen Küstenstadt Dschunie. Seit 2006
hat die Deutsche Marine eine führende Rolle innerhalb der
internationalen Flotte des maritimen Unifil-Einsatzes übernommen.
Ziel ist es, die libanesische Regierung dabei zu unterstützen, die
Seegrenzen zu sichern und Waffenschmuggel über das Wasser zu
verhindern. Die Unifil-Mission besteht bereits seit 1978.
Nach dem Ende des Mandats der maritimen Einsatzgruppe werde man die
Verantwortung für die Sicherheit im Seegebiet übernehmen müssen, sagt
al-Ali. «Das ist aus praktischer Sicht eine Herausforderung, der wir
uns stellen müssen.»
Fregattenkapitän: «Wir haben eine Menge geschafft»
Die Fregatte «Baden-Württemberg» ist ein mächtiges Kriegsschiff: Ru
nd
170 Besatzungsmitglieder, rund 150 Meter lang und knapp 19 Meter
breit. An Bord hat Fregattenkapitän Bastian Saphörster als Kommandant
das Sagen.
«Wir haben eine Menge geschafft», sagt er. Im Bereich der Ausbildung
der libanesischen Marine sei man erfolgreich gewesen. Denn auch das
ist zentraler Teil des deutschen Einsatzes. Die libanesische Marine
soll dahin gebracht werden, ihren Seeraum selbst überwachen zu
können.
«Realistischerweise muss man aber auch sagen, eine libanesische
Marine ist nicht vergleichbar mit einer deutschen Marine», sagt
Saphörster. «Ich persönlich würde sie als Küstenwache Plus sehen.
» In
einen militärischen Konflikt könne sie nicht gehen. Das sei aber auch
nie das Ziel gewesen. «Es ging darum, die Nation zu ertüchtigen,
eigenverantwortlich die Sicherheit in ihren Hoheitsgewässern zu
gewährleisten», sagt Saphörster. Das sei gelungen.
Der Ausbildungsauftrag soll im Rahmen einer EU-Mission fortgesetzt
werden. Die neue Unterstützungsmission soll die libanesischen
Streitkräfte unter anderem bei der Grenz- und Seesicherung beraten
und ausbilden. Sie ersetzt Unifil allerdings nicht.
Sorge vor Sicherheitsvakuum
Das Unifil-Mandat endet am 31. Dezember. Danach soll ein geordneter
Abzug innerhalb eines Jahres folgen. Die libanesische Führung will
jedoch eine Fortsetzung. Sie warnt immer wieder vor einem drohenden
Sicherheitsvakuum. Das betrifft auch die maritime Unterstützung.
Ein Schiff in der Größenordnung der Fregatte «Baden-Württemberg»
könne für mehr Abschreckung sorgen, sagt Flottillenadmiral Christian
Scherrer, Kommandeur der deutschen Unifil-Einsatzkräfte. So eines
besitzt die libanesische Marine allerdings nicht. «Das ist sicherlich
ein Grund, warum die libanesische Führung sagt, es wäre gut, wenn
hier weiter Präsenz wäre», sagt Scherrer.
Besonders im Süden des Landes blickt die Bevölkerung mit Sorge auf
das Unifil-Ende. Der Einsatz stand wiederholt in der Kritik, denn der
Konflikt zwischen der Hisbollah und Israel wurde nie beigelegt.
Israels Militär hat zudem im Grenzgebiet eigens eine Pufferzone
errichtet und kontrolliert dort libanesisches Territorium.
Der Kern des Problems liegt darin, dass Unifil eine Beobachtermission
ist: Sie registriert zwar Verstöße, besitzt jedoch kein Mandat zur
Friedenserzwingung. Die Sorge, die Lage im Südlibanon könnte sich mit
dem Unifil-Abzug deutlich verschärfen, ist dennoch groß. Denn
zumindest eine offizielle Beobachtungsinstanz gibt es dann nicht
mehr.
Für Radarmeisterin Tatjana läuft der Countdown bis zur Heimkehr nach
Deutschland. Für die Menschen im Libanon ist der Countdown ein Warten
auf eine Antwort, die noch niemand hat.
